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II. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen einer Schule in dörflicher Umgebung

1. Standortbestimmungen. "Wir sind hier auf dem platten Land.."

Während überall in unserem Land der Trend zu immer größeren Strukturen anhält, scheint es fast so, als ob in Börger, diesem Ort mit knapp 2700 Einwohner die Zeit in schulorganisatorischer Hinsicht stehen geblieben ist.

Wurden wir nur von der Politik übersehen oder waren wir, wie einst die tapferen Gallier in dem kleinen, unbeugsamen Dorf, so stur und standhaft, dass der große Cäsar, sprich der Ministerpräsident und sein Kultusminister es bisher nicht geschafft haben, eine der letzten Bastionen der ortsnahen Hauptschulen zu schleifen?

Aber im Ernst: Börger ist eine der wenigen kleinen selbständigen  und einzügigen Hauptschulen mit Grundschule, die es überhaupt noch gibt.

Diese Kleinheit birgt Chancen, aber auch Gefahren.

 

Die Vorteile eines überschaubaren Systems sind:

  • Die Bevölkerung identifiziert sich in hohem Maße mit der Schule (ganze Generationen  haben dort ihre schulische Laufbahn begonnen und -bis auf die berufsbegleitende Bildung-, auch beendet). Was bei uns geschieht, findet mitten im Ort statt, coram publico, sozusagen, so dass wir von daher schon ein offenes System sind.

  • Die Grundschüler können zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule kommen, sie haben keine weiten Wege oder anstrengende Busfahrten wie andernorts hinter sich.

  • Der Schulhof ist öffentlicher Spielplatz und nachmittäglicher Treffpunkt, das fördert auch die Identifikation der Schüler mit ihrer Schule.

  • Die Schule wird nachmittags von vielen Gruppen und Vereinigungen als Veranstaltungsraum oder Übungsraum genutzt.

 

Nachteile eines solchen kleinen Systems sind:

  •  besonders in der Hauptschule- eingeschränkte Möglichkeiten eines Angebotes an Kursen und AG-s.

  • Alle Verwaltungsaufgaben müssen aus dem Lehrerpool bewältigt werden,

            eine eigene Sekretärin oder gar einen Schulassistenten gibt es nicht.

  • Die Lehrpersonen, die im Ort wohnen stehen natürlich auch unter besonderer gesellschaftlicher Kontrolle und Beobachtung, besonders bei den örtlichen Festen, an denen  teilzunehmen die meisten als ihre Pflicht ansehen.

 

  • Die Lehrer müssen sich eher als an großen Schulen als  "pädagogische Zehnkämpfer"einbringen und bewähren, da ja auch die Schüler an kleinen Schulen ein Recht auf fundierte Wissensvermittlung haben.

 

Wir sind aber der festen Überzeugung, dass eine Schule unserer Größe unbedingt erhalten bleiben muss, weil die Lernerfolge unserer Kinder und die gesellschaftliche Akzeptanz die Nachteile bei weitem aufwiegen!

 

2. Wer kann schon noch plattdeutsch?

 

Die soziokulturellen Rahmenbedingungen auf dem Dorf haben sich im letzten Jahrzehnt massiv verändert. Dies manifestiert sich nicht zuletzt darin, dass kaum noch plattdeutsch gesprochen wird. Die früher typische

bäuerliche Familie mit vielen Geschwisterkindern, Eltern und Großeltern, die im Familienverband zusammen lebten und arbeiteten, ist weitgehend verschwunden.

Immer mehr bäuerliche Betriebe geben auf, die Eltern arbeiten dann auswärts als Pendler in den umliegenden größeren Betrieben.

Die Zahl der Einzelkinder, der "Scheidungsweisen" und auch der Kinder , die in Familien von Alleinerziehenden leben, hat stark zugenommen.

Mit den bekannten Folgen hat auch eine kleine Schule zu kämpfen. Der Wandel in der Gesellschaft wirkt sich naturgemäß auch auf die Rahmenbedingungen des Lernens aus.

Die festen Dorfstrukturen beginnen sich aufzulösen, weil durch die Ausweisung neuer Baugebiete (mit sehr billigem Baugrund) viele Neubürger nach Börger kommen. Die Integration gelingt in den meisten Fällen, aber es gibt auch Probleme, die sich letztendlich auch auf das schulische Leben auswirken. (Problematische Elternarbeit, wechselnde Ansprechpartner, unterschiedliches Verständnis über Schulpflicht und Aufgaben der häuslichen Erziehung etc.)

Wie man sieht, gibt es –wie in größeren Orten auch- die ganze Bandbreite der gesellschaftlichen Probleme auch in dem kleinen Schulstandort Börger, wenn auch in wesentlicher abgeschwächter und überschaubarer Form.

  

3. Drei Dörfer ziehen an einem Strang

 

Im Jahre 1996 geschah Revolutionäres. Eine Gruppe von Eltern aus dem

benachbarten Dorf Werpeloh beschloss, ihre Kinder nicht mehr –wie vorgesehen- nach Sögel zur Hauptschule zu schicken, sondern nach Börger. Das Schulamt weigerte sich zunächst, dem zuzustimmen.

Nach langem Hin und Her, sogar ein richtiger Schulstreik der Eltern fand statt wurde aufgrund eines Formfehlers aus der Vergangenheit, die Neufestlegung der Schuleinzugsbereiche neu geregelt. Nunmehr gehen die Kinder aus Werpeloh und Spahnharrenstätte, einem weiteren Dorf in der Umgebung ,nicht mehr zur Hauptschule nach Sögel, sondern zur Hauptschule nach Börger. Dieses Ereignis sicherte bis auf weiteres auch den Schulstandort Börger, da die Klassenfrequenzen groß genug sind, um auch in Zukunft einen einzügigen Hauptschulzweig zu gewährleisten.

Für die schulischen Rahmenbedingungen bedeutet die Tatsache, dass Kinder aus drei unterschiedlichen Dörfern kommen, doch einige Dinge, die beachtet werden müssen. Es stellen sich folgende Fragen: Wie ist die Identifikation der Werpeloher Eltern mit der Schule in Börger? Welche Probleme gibt es in Bezug auf Freundschaften unter den Schülern? Bilden sich "Dorffraktionen"? Wie stellt sich die Situation bei Feierlichkeiten im Dorf Börger dar? (z.B. Schützenfest und Kirmes). Die anderen beiden Dörfer haben ihre eigenen Feste.

Es muss Rücksicht genommen werden auf die Fahrschüler. (Z.B. bei kurzfristigen Stundenplanänderungen, bei Unterrichtsgängen, bei nachmittäglichen Veranstaltungen).

 

4. Multi-kulti

 

Wie schon oben erwähnt, befinden sich unter den Neubürgern etliche Mitbürger ausländischer Herkunft. Doch so gravierend wie in einigen größeren Orten des Emslandes und des Cloppenburger Landes, in denen

bis zu 25% der Einwohner Aus- und Übersiedler sind, stellt sich die Situation in Börger nicht dar.

Es gibt etliche Aus- und Übersiedlerfamilien, aber auch Familien aus dem Kosovo, aus....... (nachprüfen)

Dies bedeutet zwar für den betreffenden Lehrer, der Kinder aus diesen Familien in seiner Klasse hat, dass er sich auf die besondere Situation dieser kulturell anders geprägten Schüler und deren Familien einstellen muss, die Situation ist aber für das schulische Leben nicht von so großer Bedeutung, als dass sie andere Problematiken überlagern würde.

Natürlich muss Rücksicht genommen werden auf die religiösen Feste und Praktiken der Kinder muslimischen Glaubens, in einer ansonsten immer noch christlich ausgerichteten Schulgemeinschaft. Dies geschieht auch, im Bewusstsein und im Respekt vor dem Andersdenkenden.

 

5. Strukturen im Wandel

 

Die Herausforderung an Lehrende und Lernende unserer Schulgemeinschaft lautet: Wir müssen die Balance finden zwischen der Rücksichtnahme auf immer noch existierende, traditionelle familiäre und dörfliche Strukturen und ihrer Einbindung und Förderung im schulischen Miteinander und dem Versuch, auch denen gerecht zu werden und zu helfen, die aufgrund ihrer familiären, kulturellen  und gesellschaftlichen Situation, Probleme haben, sich in der Schule und im Alltag zurecht zu finden. Da die Zahl der Letztgenannten ständig ansteigt, ist es wichtig verstärkt mit außerschulischen Institutionen zusammen zu arbeiten. (Jugendamt, psychologische Beratungsstellen, medizinische Dienste).

Ebenso ist es wichtig, sich auf die veränderte Familiensituation der vielen Kinder aus den sog. "Patchworkfamilien" einzustellen.

In der Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahrzehnten auch auf dem Land eine dramatische Veränderung der Strukturen vollzogen. Die Trennung von Wohnen und Arbeiten, die ja in bäuerlich geprägten Regionen bis in die 70 er Jahre  noch häufig vorkam (zumindest fand man Arbeit im Dorf, ist einer Pendlertätigkeit gewichen. Das heißt, die Kinder erleben über Tag einen Teil der Familie nicht mehr. Es gibt auch keine gemeinsamen Mahlzeiten und Gespräche mehr .(Verstärkt wird dies noch durch den Schichtdienst in den großen Betrieben, durch Arbeitnehmer, die auf Montage oder als LKW-Fahrer unterwegs sind.

Diese ganze Situation wirkt sich auch auf das Familien und Sozialleben der Kinder aus.

Gestresste Väter und Mütter können sich nicht in der nötigen Weise um die Probleme und Anliegen der Kinder kümmern, der Fernseh- , Video- und Computerkonsum der ruhig gestellten

Kinder führt u.a. auch zu den uns bekannten Schwächen und Problemen in der Schule.

Kreativität, Sprachfertigkeit und Bewegungsschwächen haben ihre erste Ursache in der Kindererziehung! Hier muss die Schule unbedingt gegensteuern!